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Kommentar zum Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 2002 (01.06.2002)
Am 25. Mai 2002 war es wieder soweit. Wir konnten uns auf den Eurovision Song Contest freuen, hierzulande besser bekannt als Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Doch das ganze war eher enttäuschend.
 
Zwar handelt es sich um einen europäischen Wettbewerb, doch leider singen die wenigsten in ihrer Landessprache. Die meisten sangen englisch. Belgien konnte sich nicht zwischen Flämisch und Französisch entscheiden, und so beschloß man, ebenfalls englisch zu singen. Auf die Idee, im jährlichen Wechsel französisch und flämisch zu singen, kam leider niemand. Da man ohnehin schon genug englischsprachige Musik im Radio hört, wäre der Grand Prix eigentlich eine Gelegenheit, auch einmal anderssprachige Songs zu hören. Aber solche kann man beim Grand Prix an den Fingern einer Hand abzählen, obwohl 24 Länder teilgenommen haben.
 
Seinen Song an bereits bestehende anzulehnen, wenn nicht gar Melodien zu klauen, wird immer beliebter. Was Stefan Raab vor zwei Jahren machte, hat Schweden jetzt auch probiert ... Schade auch, daß man nicht mit Cover-Versionen am Contest teilnehmen darf, dachte sich wohl Österreich, und so mußte Manuel Ortega Frees "All Right Now" soweit abändern, daß die European Broadcast Unit nur noch maximal drei aufeinanderfolgende übereinstimmende Töne finden konnte und den Song somit zugelassen hat - Ortega mußte nicht einmal den Rhythmus oder das Arrangement von "All Right Now" ändern. Und diese billige Kopie eines Hits von 1970 bekam dann sogar noch 12 Punkte von der Jury der Türkei. Am Ende stand Österreich damit besser da als Deutschland. Das verwundert zwar viele, mich aber nicht. Zwar war Ralph Siegels Komposition "I Can't Live Without Music" (zu der er übrigens nicht den Text geschrieben hat) nicht so schlecht und erntete eine Menge Applaus, jedoch hat die Performance von Corinna May nicht überzeugt. Die Aufregung sah man ihr deutlich an, und bei dem Auf- und Abgewippe der Frau May mußte man die Daumen drücken, daß sie dabei nicht ihr Mikrophon fallen läßt. Das Daumendrücken hat dann geholfen, aber Deutschland landete auf dem viertletzten Platz. Einige Tage später wurde ein Stimmenauszählungsfehler bekannt. Damit rutschte Deutschland auf Platz 22 von 24. Ralph Siegel hat übrigens vor dem Grand Prix bekanntgegeben, keine Grand-Prix-Songs mehr schreiben zu wollen. Sein Song "Ein bißchen Frieden" aber war es, mit dem Nicole vor 20 Jahren den Grand Prix gewann und ein einziges Mal nach Deutschland holte. Inzwischen gab Siegel bekannt, daß er es im nächsten Jahr doch wieder beim Grand Prix versuchen will.
 
Für Sloweniens Beitrag gab es nur zwei mögliche Schlußfolgerungen: Entweder haben die Slowenen einen sehr schlechten Geschmack - sie haben diese Transvestiten ja schließlich gewählt und somit zum Grand Prix geschickt -, oder es waren ursprünglich Frauen, die singen sollten, aber krank geworden sind, weshalb die Ehemänner eingesprungen sind und sich in die Kleider der Damen gezwängt haben.
 
Die Wahlergebnisse beim Grand Prix sind meiner Meinung nach nicht repräsentativ. Abgesehen davon, daß es auffällig oft vorkommt, daß das jeweilige Nachbarland eine hohe Punktzahl bekommt, schrecken zum Beispiel in Deutschland die "T-Vote-Call"-Nummern mit der Vorwahl 0137 ab. So investieren nur wahre Fans viel Geld, um eine Stimme für ihren Favoriten abzugeben. Daß das auch anders geht, beweist der französische Fernsehsender TV5: Wenn hier über Musik abgestimmt wird, reicht es, eine Nummer anzurufen, zweimal klingeln zu lassen und aufzulegen. Das kostet den Anrufer nichts, und die Stimme kann dennoch gezählt werden. Letztlich profitiert vom Grand Prix hierzulande also vor allem die Deutsche Telekom AG. Aus der Vorentscheidung wird eine große Werbeveranstaltung für den magenta Riesen gemacht, nach dem Motto: "Wir fragen unsere beiden Herren von der Telekom mal nach dem aktuellen Zwischenstand." Das ließ sich am Grand-Prix-Abend natürlich nicht bewerkstelligen, weil die Sendung in Estland produziert wurde. Der dortige Fernsehsender hat seine Sache aber sehr gut gemacht, und auch der Kommentator des Norddeutschen Rundfunks (NDR) hat gute Arbeit geleistet. Nur die Kosten für einen Anruf bei der eingeblendeten 0137-Nummer wurden vom NDR verschwiegen. Ich habe bei der Telekom nachgefragt: 0137-1 kostet 0,12 EUR/Minute, 0137-2/-3/-4 0,18 EUR/Minute, 0137-9 0,49 EUR/Minute. Für die Richtigkeit der Angaben übernehme ich keine Gewähr, da ich dem Telekom-Mitarbeiter am Telefon erst einmal den Unterschied zwischen 0,12 Eurocent und 0,12 Euro erklären mußte!
 
Zusammenfassend kann man sagen, daß der Grand Prix leider immer mehr kommerzialisiert wird und daß es schade ist, daß sich kaum jemand mehr traut, in seiner Landessprache zu singen, weil er Angst hat, nicht verstanden zu werden.
 
Thomas Wagner  
 

 

 
 
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